Die Verdauungsorgane eines Wiederkäuers (z.B. Rind,
Schaf, Ziege, Reh) sind völlig anders gebaut als die Verdauungsorgane
eines Menschen oder des Schweins. Ihre Funktion ist sehr erstaunlich und
ermöglicht es der Kuh, selbst Futtermittel wie Stroh, welches man für ein
Schwein nur als Einstreu benützen würde, in Milch umzusetzen. Folgen wir
dem Weg des Futters und schauen wir uns nach der Reihenfolge Bau und
Funktion der beteiligten Organe am Beispiel einer Kuh an:
Das Gebiss, Die 4 Mägen (Pansen, Netzmagen,
Blättermagen, Labmagen),
Der Dünndarm, Der Dickdarm.
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Eine Kuh hat 4 Mägen (Pansen,
Netzmagen, Blättermagen, Labmagen) mit insgesamt 110 bis 230 Litern
Fassungsvermögen. Daran schließen sich der Dünndarm und der Dickdarm
mit einer Länge von 35 bis 60 Metern an. |
Das Gebiss der Kuh
Wie viele Schneidezähne hat ein Rind oben im Gebiss? - Die erstaunliche
Antwort lautet: KEINE! Denn eine Kuh hat in ihrem Gebiss nur unten
Schneidezähne
(8 Stück). Oben hat sie lediglich eine Hornplatte als "Gegenlager"
zum Kauen.
Die Kuh kann mit ihren Schneidezähnen ein Grasbüschel, das sie mit der
Zunge gefasst hat, abreißen. Zuerst einmal wird nur gefressen und fast
nicht gekaut. Das Futter wird mit etwas Speichel abgeschluckt und kommt
durch den Schlund in den Pansen.
Pansen (Rumen)
Der Pansen ist der erste der insgesamt 4 Mägen eines Rindes, er ist eine mächtige Gärkammer. Er liegt an der linken Seite
der Kuh und füllt mit seinem Volumen von 150 bis 180 Liter fast die ganze
linke Bauchhöhle aus. Er ist in einen oberen und unteren Pansensack
aufgeteilt und kann insgesamt 50 bis 60 Kilogramm Futter aufnehmen. Der
Pansen besitzt aber keine Drüsen wie etwa Magen oder Darm - der
Wiederkäuer bedient sich anderer Lebewesen, um die schwerverdauliche
Pflanzenmasse aufzuschließen. Viele Milliarden von Bakterien und
Einzellern (insgesamt etwa 7kg) bevölkern den Pansen und produzieren bei
ihrer Tätigkeit Säure.
Wiederkautätigkeit
Die Kuh schluckt, wie bereits gesagt, das Gras anfänglich nur ab.
Danach legt sie sich gemütlich zur Ruhe und beginnt mit der
Wiederkautätigkeit. Hierbei werden, schon von Bakterien angegriffene,
Pflanzenteile durch einen Reflex ins Maul zurückgefördert und dann
eingehend gekaut. Die kräftigen Mahlzähne zerreiben das Futter zu einem
feinen Brei. Dabei wird jeder Bissen kräftig eingespeichelt. Ein Kuh
produziert dazu 200 Liter Speichel am Tag.
Der Speichel hat nicht nur die Aufgabe, das Futter gut rutschen zu
lassen, er ist auch stark alkalisch (ph-Wert 8,3) und erhöht die von den
Bakterien produzierten Säuren im Pansen auf einen neutralen ph-Wert von
ca. 6,5.
WICHTIG: Strukturiertes Futter wie Heu oder Gras, das die Kuh ordentlich
kauen muss, ist für sie lebenswichtig, denn ohne Wiederkautätigkeit
entsteht keine Speichelproduktion und der Pansen würde bis zum Stillstand
"versauern".
Zellulose (Rohfaser) im Pansen
Ein Großteil der Nahrung eines Rindes besteht aus der für uns als
Menschen weitgehend unverdaulichen Zellulose (Stroh besteht sogar bis zu
40% aus Zellulose). Kein Verdauungsferment von Wirbeltieren ist in der
Lage, Zellulose zu spalten und damit verdaulich zu machen. Nur Bakterien
produzieren ein solches Ferment - die Zellulase. Ihr gelingt es jedoch
auch nur 50 bis 60% der im Pansen vorhandenen Zellulose abzubauen. Das
Endprodukt des Abbaues von Zellulose ist Essigsäure. Diese wird im
Stoffwechsel zu einem erheblichen Teil in Milchfett umgebaut.
Stärke und Zucker (Kohlehydrate) im Pansen
Eine andere Gruppe von Bakterien baut die im Futter enthaltenen
Kohlehydrate, Stärke und Zucker, ab. Diese werden zu Propionsäure und
Buttersäure und dienen damit der Kuh zur Energieversorgung.
Im Pansen werden ca. 95-100% der im Futter vorhandenen Kohlenhydrate
verdaut.
Eiweiß im Pansen
Ein Großteil des Eiweißes aus der Nahrung der Kuh wird von den Bakterien
zu Ammoniak abgebaut. Dieser dient, gemeinsam mit den Kohlehydraten, den
Bakterien als Nahrung. Sie bauen die für die Kuh lebenswichtigen
Aminosäuren, in Form von Bakterienmasse, auf. Die Kuh ist demnach
unabhängig von essentiellen (= unentbehrlichen) Aminosäuren.
Im Pansen werden ca. 70% des im Futter vorhandenen Eiweißes verdaut.
Netzmagen oder Haube
(Reticulum)
Der
Netzmagen liegt neben der Einmündung der Speiseröhre in den Pansen. Er
kann sich stark zusammenziehen und fördert dadurch einerseits das
angedaute Futter portionsweise zurück ins Maul zum Wiederkäuen und
andererseits genügend verkleinertes Futter weiter in den Pansen. Der
Netzmagen siebt praktisch die Nahrung und lässt in den Blättermagen nur
das durch, was fein genug ist. Bei der Verdauung spielt er nur eine
untergeordnete Rolle.
Blättermagen oder
Psalter (Omasum)
Ist das Futter lange genug von Bakterien zersetzt (nach 1 bis 3 Tagen)
verlässt es schluckweise den Pansen und gelangt durch Netzmagen in den
Blättermagen. Er ist der letzte Vormagen. Eine Hauptaufgabe ist die
Resorption (aufsaugen, aufnehmen) von Wasser, Nährstoffen und von
Natriumbicarbonat (NaHCO3). Aber auch im Blättermagen werden noch
Futterpartikel von Kleinlebewesen abgebaut.
Labmagen (Abomasum)
Der Labmagen, der letzte der 4 Mägen einer Kuh, ist der eigentliche Magen. In ihm laufen die gleichen
Vorgänge ab, wie im Magen eines Nichtwiederkäuers (z.B. beim Menschen oder
Schwein). Der ph-Wert wird hier
in den sauren Bereich (ph-Wert ca. 3,0) abgesenkt. Salzsäure löst die noch
vorhandene Struktur der Nahrungsbestandteile. Pepsin nimmt die
Resteiweißspaltung vor. Das Eiweiß stammt zum großen Teil von den
Bakterien, die durch die Magensäure getötet wurden.
Dünndarm
Die Verdauung im Dünndarm und auch die weitere Verdauung läuft wieder
so ab wie dies auch bei den Nichtwiederkäuern funktioniert. Die
Eiweißbruchstücke, die aus dem Labmagen kommen, werden noch weiter zu
kleineren Teilchen abgebaut und als Aminosäuren resorbiert (=aufgenommen).
Ebenso werden die Kohlehydrate zu Einfachzuckern zerlegt und aufgenommen.
Das Fett wird durch Gallensalze emulgiert, in kleinste Tröpfchen zerlegt
und ebenfalls über die Darmwand resorbiert.
Dickdarm
Der Dünndarm ist im Normalfall bakterienfrei. Im anschließenden
Dickdarm hingegen wimmelt es von Bakterien die, ähnlich wie im Pansen, die
Verdauung der noch vorhandenen Nährstoffe vornehmen. Besonders der bei der
Kuh mächtig entwickelte Blinddarm ist nochmals eine wirkungsvolle
Gärkammer. Die Nährstoffresorption im Dickdarm ist nicht optimal, deshalb
spielt sein Anteil an der Gesamtresorption nur eine untergeordnete Rolle.
Durch die weitere Resorption von Wasser und Elektrolyten wird aus dem
Verdauungsbrei nun Kot.
Kühe machen Mühe ...
Im
Gegensatz zu nichtwiederkauenden Haustieren (z.B. Schweine) erfordert die
Fütterung von Rindvieh und besonders von Milchkühen Grundkenntnisse im
Ablauf des Verdauungsprozesses.
Der große Vorteil der Wiederkäuer ist, das sie die für andere Tierarten
unverdauliche Rohfaser zu wertvollen tierischen Produkten verarbeiten
können. Die Lebensansprüche der Bakterien bedingen aber das Wiederkäuer
auf die Rohfaser angewiesen sind. Dabei ist es nicht gleichgültig, in
welcher Form die Rohfaser angeboten wird. Die Rohfaser muss strukturiert,
das heißt nicht gemahlen, sein, nur so regt sie die Kautätigkeit und die
Speichelbildung an. Durch den Speichel werden die im Pansen gebildeten
Säuren neutralisiert.
Bekäme eine Kuh eine größere Zuckermenge oder feinstes gemahlenes
Getreide, führte dies zu einer explosionsartigen Bakterienvermehrung und
Säurebildung im Pansen. Der Milchfettgehalt und auch Milchmenge gehen
zurück, das Tier wird krank. Durch gesteigerte Heugaben kann ihm geholfen
werden.
Neben genügend Rohfaser benötigt die Kuh aber auch Energie um zu leben und
Milch zu geben. Kühe mit hoher Milchleistung haben auch hohe
Energieansprüche. Dadurch ergibt sich eine Gratwanderung zwischen genügend
Rohfaser einerseits und viel Energie (z.B. Getreide) andererseits.
Landwirte errechnen daher für ihre Tiere leistungsbezogene Futterrationen.
Je nach Futterqualität des Grundfutters (Weide, Heu, Silage) und
Milchleistung der Kuh bekommt sie unterschiedliches Ergänzungsfutter in
der Sorte (z.B. Getreide oder Mais) und in der Menge.
Merke: eine wichtige Bauernweisheit lautet:
"Funktioniert der
Pansen, funktioniert auch die Kuh."